Lyrik2000Mondo Cannibale

Buch der Lüge

 

Hortkind




Auszug aus dem 2. Kapitel ("Ihr Völker von Amerika, ihr leichtgeschürzten Damen der Welt, schaut auf diese Stadt!")

"Hätte, wäre, könnte!" - daß soll unser Slogan sein. Mit dreckigen, von Krätze schuppigen Händen wühlen wir in den Puddingtöpfen friedfertiger Brillenträger, puhlen uns verschiedenstes Zeug aus Körperöffnungen und kleben es an die Eingänge der Schwesternstifte dieser Stadt.
Schuhe, die zehn Zentimeter größer machen, machen auch zehn Zentimeter tappsiger. Schwuppsige Grandfatherfucker fucken gelangweilt ihre Schlagballkappen gegen die Straßenbahnscheiben, wohlgenährte, dort entlangkrabbelnde Schmeißfliegen damit zu Tode dissend.
Sie rauchen Stück und kennen keine Hauptstädte auswendig. Freestyle, Alter, laß die Arme schlacksen wie ein Bleo.
Hannes hatte sich lange Gedanken darüber gemacht, warum bei ihm die typischen Überaugenwülste nicht über den Augen, sondern an den Hüften zu finden waren. "Heißt das etwa, daß mein Arsch sehen kann?"
Tief in sich gehend erfuhr er die Arschansichten genialster Stuhlbezüge mit exorbitant-behaglichem Design. Die abstraktesten Stuhlbezüge schien es bei Saddam zu geben: Als Grundmaterial wiesen sie weißes Leinen auf, unrhythmisch unterbrochen von irrförmigen rotbraunen Flecken - wie sie nur von einem Genie sondergleichen stammen konnten.
"Hätte, wäre, könnte! - daß soll mein Slogan sein", dachte Hannes und massierte sich die Hüften. Unter einem Grashalm, wo es schattig ist und die Erde kühl, sitz ich, wring die Augen aus, wenn der Tag beginnt.
Und die Menschen denken, das wär Tau, unter einem Grashalm.
Manchmal steh ich auf, will irgendwelche Sterne sehn - und die Bilder, die sie bilden - sind: Ein Stein. Ein krummer Hals, ein von Traurigkeit strotzendes Fischernetz.
Unter einem Grashalm sitz ich und mein Stolz zerreißt, als wenn ich sterben soll, die Stille - unter diesem Grashalm.

Wenn die Brut fällt, war der Ast ein Blitzstrahl.
Männer aus Leder und Stahl, gleißender roter Fluß des Eisens, sandene Kokillen. Leberwurststullen werden von radkappengroßen Händen in rauhkehlige Hälse geschoben und draußen schreit einer: "Manne!"
So heimelt dann das Funkengestöber zwischen dem Kreischen der spurwechselnden Güterwagen. Flansche aus Kupfer leiten das siedende Wasser durch ächzende Ventile, hinten kracht eine Ramme in den Asphalt! Wie Kosmonauten ringen die Körper im schwirrenden Heiß, silbern durch das geglühte Dunkel der trächtigen Werkshalle der Makrotechnologie. Das Wort "Schöpfung" prangt auf jedem der schwarzen, höllernen Ziegelsteine, zersprungene Rundbogenfenster umrahmend, durch die vereinzelt Schneegestöber huscht, sich einstellige Mengen Schneeflocken auf die inneren, zerbröckelnden Fensterbänke legen, um dort ihren bitteren, sibirischen Tod zu sterben, wie das Lächeln in den Gesichtern der Lehrlinge, daß dem Flachsen weicht und dann dem Grölen. Die Küchenmannschaft hat Eiersalat gemacht und eine der Verkäuferinnen hat ein kleines Radio angestellt, aus welchem idiotische Melodien quäken -- den Kosmonauten ists wie ein Stammestanz.
Am 12. Januar 1975 verließ das zweimillionste Dreirad der Marke "Fridolin" die Fabrik, froh erwartet von einem fünfjährigen Hannes, der damit im Frühjahr riesige Wiesen voll mit blühendem Löwenzahn auszumessen gedachte.

Dorothea fühlte sich wie eine Schwerverbrecherin, als dieser Verkehrspolizist ihr mitteilte, an ihrem hinteren Schutzblech hätten sich gefälligst zwei Lampen zu befinden und nicht nur eine. Lampe 1 mit Glühbirne, Lampe 2 ohne, ein Katzenauge sozusagen ( Warum eigentlich nicht Schafsauge, wenn man bedenkt mit welcher Intensität die Teile leuchten). Zudem hätte sich an dem Fahrrad eine "Glocke mit hellem Ton" zu befinden, wahrscheinlich, um irgendwelchen dahergelaufenen Bauernburschen, welche man gerade totfahren will, kurz davor auf eben jene Tatsache aufmerksam zu machen. Eine besonders perfide Art von Sadismus, dachte sich Dorothea und gab dem Verkehrspolizisten die verlangten zehn Mark. "Aber nicht alles gleich vertrinken!", dachte sie weiter.
Der Bulle schwenkte amtlich seinen Zebraphallus und Dorothea schob beklommen ihr Rad nach Hause. Zu Hause gab es Pfirsichmarmelade und ab und zu sogar Auflauf, oder "Uffluff", wie der Berliner sagt. Dieser Slang war ihr aber fremd. <BR>
Sie kam aus einem anderen Millieu oder aus anderen Kreisen, wie es der Sozialwissenschaftler heutzutage feige ausdrückt, um das Wort Klasse zu vermeiden. Dorothea liebte tote Sprachen: Latein, Sanskrit, Hochdeutsch. Letzteres beherrschte sie fließend.
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