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Die Katzenkutsche
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Es war der Durchbruch. Bobby Gustav litt vor Erkenntnis. Er musste sofort mit seinem visionären Gemälde beginnen. Er erhob sich aus seinem Sessel und schlich kreischend zur Staffelei.
Man konnte erkennen, wie sachte er seine Schritte wählte, um die verzerrten Jubelschreie nicht zu stören, die er mit Hilfe eines Megaphons verstärkte. Heute Nacht wollte er die Leinwand, die er extra für solche Anlässe aus verdorbenem Rinderhack gepresst hatte, mit Inbrunst bearbeiten. Für die ersten Striche reichte ein feiner Radierer mit Plutoniummine. Damit zeichnete er schnell und genau die Konturen. Für die dünnen Flächen musste er ein anderes Werkzeug benutzen. Filigrane Warzenknüppel der Marke Murdeo erschienen ihm dafür angemessen. Entschlossen nahm er das Werkzeug in die Hände und schnallte sich einen verspiegelten Zylinder in Form einer Salami auf den Kopf. Dieser sollte von heute an sein Markenzeichen in der seriösen englischen Kunstszene werden. Nachdem der Zylinder festgezurrt war, versteckte Bobby einen in Schweinekadavern eingewickelten Bewegungsmelder in der Hutkrempe. Durch den Alarm wollte er sich absichtlich erschrecken lassen. Als das erledigt war konnte er sich dem Hauptteil, der Grundierung, widmen.
Wie ein affektierter Rentner sprang er nackt auf die Leinwand hinauf, machte den Fernseher auf volle Lautstärke und zeigte sich deswegen selbst wegen Ruhestörung an. Durch seine eigene Intoleranz aufgegeilt, verwechselte er die Verwendung seiner Pinsel, was ihn nur noch lüsterner machte. Er beschloss daraufhin, unabsichtlich in ein tiefes Koma zu fallen. Die Grundierung war vollendet.
Was würde Baroness Murphy jetzt sagen, wenn sie ihn so sehen könnte. Ekstatisch auf dem Boden seines Ateliers herum rubbelnd. Es musste 1984 gewesen sein. Die stets barbusige Künstlerin hatte sich im Rahmen der Yucatan-Biennale für eine Performance ihre Nase mit einer 80 Liter schweren Sprühdose zusammennähen lassen. Ihr damaliger Jünger Bobby Gustav hielt ihr darauf eine riesige Leinwand vors Gesicht. Gemeinsam durchstreiften sie damit den Urwald Mexikos und mit jeder ihrer hektischen Kopfzuckungen sprühte sie einen neuen Strich auf die Leinwand. Damit die Performance an Dramatik zunahm, bestreute die Baroness stündlich die große Naht-Wunde auf ihrer Nase mit grobem Juck-Salz aus einem riesigen Glasfass, das sie auf einem Radwagen hinter sich herzog. Sie arbeiteten drei Tage lang ohne Schlaf und sehr unkonzentriert. Am vierten Tag war die Sprühdose leer, was auch das Ende der Performance bedeutete.
Ausgepowert und sich gegenseitig verfolgend machten sie sich auf den Weg zurück zum Basislager. Es befand sich auf einer viel befahrenen Kreuzung nahe des Urwalds. Dort war ihr Reisemobil geparkt. Eine selbst gezimmerte Kutsche, die von vierzig schwarzen Katzen gezogen wurde. Der Kutschbock ähnelte einer Geisterbahn, am Bug waren 12.000 Watt starke Suchscheinwerfer eingelassen. Mit diesen Lichtkanonen konnte man sich im Falle einer künstlerischen Identitätskrise selbst blenden. Die Zug-Katzen hatten im hinteren Wagenbereich einen Ruheraum mit vielen Spielautomaten und elektronischen Hackbrettern. Im Wohnbereich der winzigen Kutsche hatten die Baroness und ihr Jünger begonnen, sich ein Nest aus Schamhaaren zu bauen. Sie stopften ganze Paletten Haarwuchsmittel in ihre Körper, um die Ernte des drahtigen Baustoffs üppiger ausfallen zu lassen. Sie schoren sich jede Stunde. Nach erledigter Arbeit im Nest zu dösen war sehr, sehr schön und zugleich strotzte es vor Symbolismus. Er stellte sich dann immer vor, ein mächtiger Crack-Pointilist zu sein. Ein großzügiger Farbtaktiker.
Klatschend erwachte er aus seinem Traum. Lag winselnd auf dem kalten Asphalt seines Ateliers. Plötzlich trug er einen neongelben Stretchbody, der ganz in Hautfarbe gehalten war, und nur durch die unsauber aufgestickten Bundesligawappen an Esprit einbüßte. Er pogte zornig zur Staffelei, betrachtete sein Werk, wurde übermütig und lief gehend in die Garderobe. Dort setzte Bobby Gustav seinen neuen Spiegelzylinder auf, schlüpfte in die Blech-Mokassins und verließ sein Atelier in Richtung Bistro Gonzo, in dem sich seit Generationen die örtliche Künstlerszene beim Dartspielen überraschte.
Premiere des Textes in der Sendung taktlos auf Bayern2 |
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