Lyrik2000Bügelpatrioten im Überschwang

Die Experimente des Dr. Meisenmann

 

Ter Phatter




Vorwort

An dieser Stelle möchte ich dem geneigten Leser, und damit meine ich jene, die sich vielleicht die Mühe machen wollen, würden, werden, würgen, so etwas wie Sinn oder einen Handlungsstrang in dem nun folgenden Text zu suchen einen wertvollen Tipp geben: Es gibt keinen.

Man könnte ebenso gut versuchen, einen Joghurt mit einem Pferd zu kreuzen und das Resultat als Minzdragee auf den Markt zu bringen. Gleichfalls könnte man in der irrigen Annahme dass, wenn es so etwas wie Unsinn gibt, es auch einen Sinn geben muss und in der vagen Hoffnung dass es auf alkoholischer Ebene auch zu Buchstaben führt.
Es gab bereits den ein oder anderen sinnlosen Sinnsuchungsversuch.

L8umun Betrix etwa, ein sehr erfolgreicher Steinhuster aus Drüsdöngel, starb bei dem Versuch, den Sinn dadurch zu erkennen, dass er sich Gurken in die Ohren steckte. Da Gurken bekanntermaßen ein gewisses, und von der Form und Größe abhängiges Volumen haben, wurde durch den Vorgang des „sich die Gurken in die Ohren schieben“ sein Gehirn dazu aufgefordert, sich der Tatsache zu stellen dass für ein Gehirn und zwei Gurken kein Platz unter der Schädeldecke von L8umun Betrix ist. Diesem Umstand zu Folge wurde sein Gehirn von den Gurken freundlich, aber auch mit sprichwörtlichem Nachdruck gebeten, den Kopf schnellstmöglich durch die Schädeldecke zu verlassen um sich anderweitig einen Platz zum verweilen zu suchen. Da Gehirne jedoch die dumme Angewohnheit haben als selbständige Existenz schon nach wenigen Sekunden zu scheitern, verstarb L8umun Betrix auf der Stelle. Man fand seine Leiche –oder was davon noch übrig war - Jahre später in einem kleinen Waldstück in der Sahara in der Nähe von Unterhaching. Seine sterblichen Überreste wurden dem staatlichen Observatorium von Tschitti Bäng Bäng zur Aufbewahrung übergeben, wo sie wenig später auf Grund eines Missverständnisses und einer doofen Putzfrau im Mülleimer landeten und nie wieder gesehen wurden.
20 Jahre und 12 Stunden, 4 Minuten, 46Sekunden, 99 hundertstel nach diesem Vorfall erlitt der Schwager von L8umun Betrix, L9umun Betrix, einen Schlaganfall und verstarb ebenfalls. Das aber nur nebenbei. Die Geschichte der Geschichte einen Sinn in diesem Text zu suchen hatte seinen wahren Ursprung aber in der Vergangenheit der Zukunft.
Es war etwa im Jahre ZweitausendreihundertSchaschlickmitpommes. Die damalige bzw. die zukünftige Weltregierung hatte zu dieser Zeit beschlossen, dass die Schreibweise der Jahreszahlen durch die Einbindung bekannter und beliebter Gerichte und Speisen ergänzt werden sollte. Man versprach sich dadurch einen enormen emotionalen langfristigen Kundenbindungseffekt. Dies geschah natürlich auch im direkten Dialog mit den Besuchern von gastronomischen Einrichtungen.

Bereits im Jahr ZweitauseneinhundertDöner,scharf gab es derartige Überlegungen. Sie wurden aber von der damaligen Regierung verworfen.
ZweitausendzweihundertSchweinebratenmitknödelblaukrautundgemischtemsalat wurde nochmals, aber eher lustlos, über dieses Vorhaben abgestimmt. Der Ausgang war dennoch knapp und im Folgenden wurde viel über angebliche Walmanipulation geflüstert, gemunkelt, geraunt und laut heraus geschrien. Wer und ob überhaupt jemand die Wale manipuliert hatte, an der Abstimmung nicht teilzunehmen, ist bis heute nicht ganz geklärt worden. Es gibt viele Stimmen die noch heute davon überzeugt sind, dass es etwas mit der Benennung des Jahres ZweitausenzweihundertWalsteakmitBirnenrisottoanrotweinsauce zu tun haben könnte. Möglicherweise war dies der Grund dafür, warum die Wale nicht am Urnengang teilnahmen und lieber ein paar Runden im Ozean schwimmen gingen. Genaueres ist heute nicht mehr bekannt. Die Wale selbst hatten sich kurz nach diesem Skandal und aus Protest über das Ergebnis der Abstimmung mit Harpunen vor dem Hauptsitz der Weltregierung das Leben genommen. Keiner blieb übrig und somit ist auch die Frage hinfällig, warum sie keiner gefragt hat, die Wale.

ZweitausendreihundertSchaschlikmitpommes also begannen die ersten zaghaften Versuche der Sinnsuche in diesem wirren Haufen aus Buchstaben, Halbwahrheiten, demenzkranker Grammatik und grauenhaft schöner Interpunktion. Nebenbei: Schnecken können übrigens nicht furzen.
Dies ist nun die Geschichte um die sich im Folgenden alles dreht, erzählt aus der Ich-Perspektive.


Die Experimente des Doktor Meisenmann

Kapitel 1, Ein paar Blätter Bier

Es war einer dieser umwerfend langweiligen, weil auch erfolglosen Donnerstage in meinem Labor an der südlichen Ausfallstraße der Großstadt Nepomuk 14. Ich saß an meinem Schreibtisch und knipste gelangweilt die Lebenserhaltungssysteme meines hermetisch versiegelten Labors aus und an. Dabei versuchte ich, die Intervalle zwischen Leben und Sauerstoff atmen und langsam und grauenvoll Ersticken immer länger werden zu lassen. Ja, ich war schon immer ehrgeizig und auf eine gewisse naive Art auch neugierig. Ich berechnete das Volumen des Raumes und den darin enthaltenen Sauerstoff unter Einbeziehung der Länge meiner Strümpfe, addierte den Endbetrag eines Einkaufszettels hinzu indem ich ihn von der Berechnung abzog und als extrapoliert betrachtete, teilte die Quersumme der Länge eines meiner Strümpfe unter Berücksichtigung des wahrscheinlichen Endergebnisses durch zehn und kam zu keinem Ergebnis.
Enttäuscht setzte ich mich an einen der Labortische und zerbröselte mir gerade den Kopf als mir zwei kleine Küken auf den Kopf fielen. Eines zu meiner linken, eines zu meiner Rechten setzten sie sich auf meine Schultern. Ich zwang mich selbst, nicht darüber nachzudenken, wie plötzlich in einem sterilen und von der Außenwelt gänzlich abgeschotteten Labor zwei kleine Küken von der Decke fallen konnten. Schließlich hatte ich wichtigeres zu tun. Im Augenblick wusste ich allerdings nicht, was das war. Eine Weile fiepten mir die zwei kleinen gelben Federknäuel äußerst penetrant in die Ohren, als sie sich plötzlich und völlig unerwartet leicht zitternd nach vorne beugten und mir quasi in stereo auf die Schultern kackten. Ich dachte, es wäre nun an der Zeit etwas zu unternehmen und packte die beiden Missetäter mit meinen Händen. Das fiepen aus meinen geschlossenen Händen war nun etwas dumpfer und nicht mehr so schrill wie vorhin. Entschlossen schritt ich zum Waschbecken und drehte den Hahn auf. Beide Hände unter das Wasser haltend wartete ich bis ich merkte, dass beide Küken nun ordentlich nass waren. Ich putzte mir mit den beiden Dreckschweinen meinen Kittel wieder sauber. Dem aufgeregtem Fiepen und hacken mit ihren winzigen Schnäbeln konnte ich entnehmen, dass beide Küken mit einer derartigen Behandlung nicht einverstanden zu seien schienen. Das war mir jedoch recht egal. Wer mich anscheisst, den scheisse ich an. Soviel zu meiner Toleranz gegenüber unhygienischem Federvieh. Ich öffnete die Schleuse meines Labors und warf die beiden besudelten Eierleger vor die Tür.

Gerade in diesem Moment kam Professor Dr. Bühgelform den Gang entlang und wurde unfreiwillig Zeuge dieses Vorfalls. In seiner Hand hielt er eine Tasse mit einer grünlichen dampfenden Flüssigkeit. Ich kannte seine Vorliebe für geschmolzenes Plastik und zugleich verachtete ich ihn dafür. Der ausgiebige Konsum von geschmolzenem Plastik hatte bereits einige seiner Körperteile von fleischähnlicher Konsistenz in spröden Duroplast transformiert. Wenn man sich mit ihm unterhielt hatte man das Gefühl, man spräche mit einer Tupperschüssel. Wer schon mal versucht hat sich mit einer Tupperschüssel über die Gesetzmäßigkeiten der Kosmophysik, den Zusammenhang und die Wirkung von selbst geangeltem Fisch auf eine sich in der Nähe befindlichen transsexuelle Anomalie zu erläutern, wird schnell an seine Grenzen stoßen. In der Regel verliefen derartige Kommunikationsversuche recht monologisch. Das lag meiner Vermutung nach auch daran, dass seine Stimmbänder aus Hartplastik waren; also recht unflexibel und daher wenig geeignet durch Zusammenziehen und Ausdehnen sich sprachlich zu äußern. Ein Kollege an der Universität von Kapstadt-Neukölln hatte mir mal erzählt, dass seine Vorliebe für geschmolzenes Plastik auf einen Unfall in seiner Kindheit zurück zu führen sei.
Wer kennt sie nicht, dachte ich damals, die traumatischen Erfahrungen seiner eigenen Kindheit: Hund beißt Kind, Kind hasst Hund. Kind beißt Hund, Hund beißt Kind tot. Ich denke, jeder, wirklich jeder, hat derlei Erfahrungen in seiner frühen Jugend durchlebt. Später dann oft als Entschuldigung oder Erklärung für seltsames Verhalten vorgeschoben, bleiben einem derartige Traumata ein Leben lang treu und steigen unerfreulicherweise meistens auch noch mit ins Grab.
Natürlich gibt es dann halt auch noch ganz spezielle und in höchstem Maße unerfreuliche traumatische Erlebnisse zu denen mit Sicherheit das von Prof. Dr. Bühgelform gehört. Der Kollege von der Uni erzählte mir weiter, dass der kleine Dreikäsehoch Andreas, Julietta, Betablocker Bühgelform, so sein vollständiger Name, bei der Besichtigung einer Kaffeefabrik in einen großen Topf mit frisch geröstetem Kaffe gefallen sei.
Erst nach 24 Stunden wurde der arme und sichtlich verstörte Knabe gefunden. Der Aufenthalt in einem großen Topf mit aromatischen Kaffeebohnen kann einen schon durchaus in den Wahnsinn treiben. Vor allem für einen Jungen von 6 Jahren, machen sich derlei Abenteuer nicht gut auf der Haben Seite für spannende Lebenserfahrungen. Kurz und knapp: Trauma for ever.

Dass bei diesem Erlebnis nicht nur sein Gehirn einen beträchtlichen Dachschaden davontrug, sondern auch seine Geschmacksrezeptoren auf´s Übelste überstrapaziert wurden, stellte sich kurze Zeit später heraus als man ihm zur Beruhigung eine heiße Tasse Kakao gab. Die Tasse enthielt nur leider keinen Kakao sonder brüllend heißes geschmolzenes Plastik. Ein in der Nähe der Fundstelle des Jungen arbeitender Handwerker hatte sich für die Reparatur eines Plastikrohres braunes Plastikgranulat kurzerhand in der Mikrowelle des Aufenthaltsraumes angeheizt.
In der Hektik der Ereignisse wurden die beiden Tassen jedoch vertauscht und das Schicksal lies sich nun von nichts und niemandem in seinem Vorhaben auch nur ein Quäntchen dreinreden. Es nahm stur seinen Lauf.
Genüsslich schlabberte Junior Bühgelform das sonnenoberflächenheiße Gebräu aus verschieden verzweigten Polyamiden und formalinverseuchten Molekülketten ungesättigter und pappsatter säurehaltiger und weiß der Kuckuck was noch alles drin rumschwimmt. Bis zum letzten Tropfen. Hmmm… lecker quitschte der kleine Knirps vergnügt und leckte auch noch den Rand der Tasse ab. Nachdem man die beiden in Ohnmacht gefallenen Eltern des Kleinen medizinisch betreut und mit ausreichend Beruhigungsmitteln vollgepumpt hatte, schickte man sie nach Hause.
Indes der Handwerker frohen Mutes zu Werke ging und sich gerade daran machend, die Löcher in dem Rohr mit der vermeintlichen Plastikmasse abzudichten, sein Gesicht einen Ausdruck bekam, der eine Mischung aus Enttäuschung, Verwunderung, Neugier, Unverständnis, Ablehnung, Sprachlosigkeit, blankes Entsetzen und Verärgerung wohl sehr nahe kommt.

Ähnlich wie Ketchup an die Wand zu nageln, ist es ein recht blödsinniger Gedanke, man könne mit Kakao defekte Rohrleitungen reparieren. Der Kakao dachte nicht mal auch nur eine Sekunde daran, den Anwendungsvorschriften auf der Granulatpackung Folge zu leisten. Sichtlich gelangweilt, und über seine unvorhergesehene Verwendung als Dichtmasse sicherlich auch ziemlich deprimiert, rann er in das Plastikrohr und auch daran vorbei. Wie Handwerker nun mal so sind, wenn sie auch nur den leisesten Verdacht hegen, der Baustoffvertreter hätte ihnen da totalen Rotz angedreht, griff dieser nun zum Telefon und machte den arglosen Baustoffhändler zur Sau.
Was folgte war eine groß angelegte Rückrufaktion von braunem Plastikgranulat und Umsatzeinbußen des Herstellers in Höhe von grob geschätzten 32 Milliarden. Bis auf den Vorstand mussten alle Mitarbeiter gehen, der Vorstand fuhr nach Hause.
Das Vertrauen in braunes Plastikgranulat erlitt einen fantastischen und noch nie gekannten Einbruch und die Tatsache von 8000 arbeitslosen Plastikgranulatabfüllern belastete natürlich auch die Sozialsysteme, die letztendlich kollabierten.

Der Zusammenbruch der Sozialsysteme hatte letztlich zu Folge, dass es dem Rest der Bevölkerung zu blöde wurde und sie trafen sich an Pommesbuden und in schicken Restaurants und debattierten heftig und intensiv, was man tun könne. Es folgte eine Zeit des Aufruhrs, der Revolten, der Verblödung ganzer Volksgruppen, der ethnischen Säuberungen und der Aufstieg der Partei der Pommesbuden und Restaurantbesitzer. Das bis Dato herrschende System wurde abgesetzt und des Landes verwiesen, mit der Bitte, sich doch einfach nicht mehr hier blicken zu lassen.
Ein neues Zeitalter brach an.

Wie dem auch sei. Die einzige Reaktion, mit der Prof. Dr. Büghelform den gerade gesehen Vorfall quittierte, war ein leichtes Kopfschütteln. Er schlurfte zur Tür seines Labors, das dem meinen gegenüber lag, und verschwand hinter der Tür. Ein komischer Kauz, dachte ich, und schloss ebenfalls die Tür hinter mir. Ich sog die Luft aus der Doppelschleuse und stellte mich unter die Desinfektionsdusche.
Frisch zerduscht und mit dem Elan einer narkotisierten Nacktschnecke schleppte ich mich in mein Labor. Plötzlich fiel mir etwas auf. Eigentlich fiel es nicht mir auf sondern zuerst fiel es meinen Augen auf. Es war schließlich ihre Pflicht als Sinnesorgan, dass ihnen etwas auffällt.
Auch wenn es einem manchmal lästig und beleidigend vorkommt, wenn den eigenen Augen was auffällt, so lässt es sich nur schwer vermeiden – wen man genau hinsieht.
Man denke nur an dicke Frauen in stark unterproportionierten Bikinis. Man schaut weg. Man denke nur an den Nachbarn, wie er stolz und prahlerisch an seinem neuen Rasenmäher rumpoliert.
Man schaut weg, bzw. man befiehlt es seinen Augen wegzuschauen.
Man schaut hin, wenn man aus Nachbars Garten einen Schrei hört. Man schaut gerne hin, wenn der Nachbar, der eben noch stolz und prahlerisch an seinem beschissenen Rasenmäher rumpoliert hat, schreiend durch den Garten rennt und seine nicht mehr vorhandene Hand klagend in die Luft hält und dabei blutet wie ein abgestochenes Schwein. Man hätte auch gerne in dem Moment hingeschaut, als der liebe Herr Nachbar die spontane Idee hatte, den Rasenmäher im laufenden Betrieb auch unten an den Messern zu polieren – stolz und prahlerisch, versteht sich.
Es waren also meine Augen denen etwas auffiel. Da sie mit der rein optischen Information des gerade auffällig gewordenen nichts anzufangen wussten, fragten sie beim Gehirn nach. Das Gehirn bearbeitete und verwertete die eben empfangene Auffälligkeit und stellte eine Reihe von Berechnungen, Gefühlsregungen und möglichen motorischen Reaktionen darauf zusammen.

Die Augen derweil warteten geduldig auf ein Feedback und ob sie sich vielleicht noch nach was anderem umsehen sollten, was in ihren Augen auffällig war. Ich stand also da und wartete eine Weile, wie denn nun mein Gehirn auf die von meinen Augen entdeckte Auffälligkeit zu reagieren gedenke.
Das Gehirn befahl den Augen die Sache doch mal näher zu betrachten. >Näher ran<, gaben die Augen dem Gehirn zu verstehen. Mittlerweile war der Teil meines Gehirns aktiv, der dafür zuständig war, Interesse für bestimmte Dinge zu entwickeln.

Ein anderer Teil meines Gehirns hatte wiederum von einem anderen Teil meines Gehirns den Befehl erhalten, ob und in welcher Geschwindigkeit man sich dem auffällig gewordenen zu nähern habe und dies nun genau zu berechnen. Verschiedene Faktor fließen hier ein und ergeben am Ende die Geschwindigkeit mit der man sich auf ein Objekt zu oder weg bewegt. Das führt gelegentlich zu Diskrepanzen. Beispielsweise wenn man im Auto sitzt und der Vordermann gerade beherzt in die Bremse steigt. Den Augen ist in diesem Moment natürlich sofort klar, dass die Information eines sich schnell und gefährlich nähernden Objektes für dass Gehirn von größtem Interesse ist.
In solchen Situationen ist es eher unnötig, eine Diskussion zwischen den verschiedenen Gehirnhälften anzuleiern. Jetzt ist Tempo gefragt, sonst war´s das nämlich für lange Zeit – oder für immer – mit nächtelangen Diskussionen am Kaminfeuer oder mit anderen befreundeten Gehirnen.
Man tut also in so einer Situation in der Regel das Richtige: Bremsen.
Nun kann es aber vorkommen, dass bloß bremsen wenig dazu beiträgt den unvermeidlichen Aufprall zu verhindern.

Das wiederum kann ein Gehirn zu Selbstzweifeln verleiten, wenn sich ihm der Verdacht aufdrängt, dass seine Befehle ignoriert werden.
Gehirn zum Fuß: Bremst du? Ja, ich bremse.
Gehirn zu sich selbst und zum Fuß: Und warum kommt dann das Objekt bitteschön immer noch näher?
Fuß: Keine Ahnung. ich bin hier nur zum bremsen da.
Augen an Gehirn: Äh, hallo. Das Ding wird immer größer.
Gehirn an Augen: Das seh´ ich selber
Gehirn an Fuß: Bist du dir sicher, dass du bremst?
Fuß an Gehirn: Schick doch mal die Augen vorbei, wenn du mir nicht glaubst, Blödmann.
Gehirn an Augen: Habt ihr ne Idee wie wir aus der Sache wieder rauskommen?
Augen an Gehirn: Nö, aber wir machen jetzt zu.
Gehirn an Augen: Na, ihr seid mir ja ne prima Hilfe.
Fuß an Gehirn: Ich hab´n Wadenkrampf
Gehirn laut an alle: Ja macht denn hier jeder was er will!
Peng! Gehirn aus.

Währendessen schlug der für Interesse zuständige Hirnbereich Purzelbäume und scharrte mit den Füßen. Er wollte endlich mehr über das auffällige Objekt erfahren und drängte nun zum Aufbruch. Der Hirnbereich der eben noch die Geschwindigkeit berechnet hat, mit der man sich
dem Objekt nähern sollte war zu einem Ergebnis gekommen und gab es an die für Motorik zuständige Unterabteilung weiter.

Ich näherte mich dem Tisch auf dem das auffällige Objekt lag und betrachtete es eingehend.
Ich hob es auf, schwenkte es durch die Luft. Ich rüttelte daran, warf es zu Boden und zerknitterte es zwischen meinen Zehen. Ich hob es auf, glättete die Falten und hielt es gegen das Licht. Es war dünn und an beiden Enden gleich lang. Es war ein Stück Papier auf dem was geschrieben stand. Ich las und merkte wie in meinem Gehirn ein mittlerer Tumult ausbrach. Abgeordnete sämtlicher Gehirnregionen hatten sich versammelt und riefen wild mit den Synapsen fuchtelnd kreuz und quer durcheinander.

Ein besorgniserregendes Kompetenzgerangel war im Gange und die Stimmung wurde zunehmend unfreundlicher und teilweise Aggressiv. Man beschimpfte einander und es kam zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gehirnregionen. Gedanken gingen aufeinander los und stritten um die Reihenfolge in der sie gedacht werden sollten. Emotionen lagen weinend in einer Ecke und vergruben sich in sich selbst. Ideen schossen quer durch das Durcheinander und töteten jeden der, zufällig oder nicht, gerade im Weg war. Die reinste Anarchie.
Über allem thronend und doch in diesem chaotischen Moment ziemlich allein gelassen saß der Gehirnteil der für Vernunft und Rationales zuständig war und versuchte mit ruhiger Stimme beschwichtigend auf die Versammelten einzuwirken – vergebens. Nach einer Weile legte sich der Tumult aber wieder und die Abgeordneten der verschiedenen Gehirnregionen kehrten frustriert und empört zu ihren Hirnabteilungen zurück. Mit Vernunft und Ratio las mein Gehirn das eben gelesene nochmals, ständig darauf vorbereitet, es könne erneut zu Unruhen kommen.
Auf dem Blatt Papier stand dies: Komm, Junge, du schaffst das! Es wird dir gelingen.
Soso, dachte ich also, es wird mir also gelingen. Nur, was sollte mir denn gelingen? Diese Frage rammte sich mir urplötzlich und mit der Heftigkeit eines 30.000 Tonnen schweren Schlachtschiffes durch den Schädel. Ich bemerkte, dass einige meiner Gehirnregionen laut aufjaulten und wimmernd in sich zusammenbrachen. Es gibt vielerlei Formen von Kopfschmerzen. Stechende, ziehende, hämmernde, drückende und die wohl schmerzvollste aller Kopfschmerzarten, die selbst dem abgebrühtesten Schmerz einen eisigen Schauer über den Rücken jagt: Die unerklärlichen Kopfschmerzen von Santa Domina de Santiago de Castello Blanco de la Muerta de lalala... Fortsetzung folgt....
   

 
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